| Veranstaltung: | Vollversammlung des ZdK Mai 2026 |
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| Antragsteller*in: | Volker Andres, Dirk Bingener, Dr. Maria Flachsbarth, Dr. Andreas Frick, Marc Frings, Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick, Dr. Ansgar Rieks, Prof. Dr. Thomas Schwartz |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 09.04.2026, 09:13 |
A2: Organisierte Kriminalität als gesamtgesellschaftliche Herausforderung
Antragstext
- Das ZdK würdigt das Orientierungspapier des Vorstands der Deutschen
Kommission Justitia et Pax „Organisierte Kriminalität als Herausforderung
für Gesellschaft und Kirche“ und die gemeinsame Erklärung verschiedener
Justitia-et-Pax-Kommission Europas „Europe facing the challenges of
organized crime“ und stellt fest, dass die Herausforderungen unverändert
bestehen. Deshalb erneuern wir die Notwendigkeit, stärker auf OK zu
blicken und sie als gesamtgesellschaftliche Herausforderung anzunehmen,
deren Bekämpfung über rein polizeiliche Strategien hinausgehen muss.
- Das ZdK fordert die Einrichtung von Runden Tischen zur Organisierten
Kriminalität auf a) Bundesebene – zur strategischen Gesamtkoordination
relevanter staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure, b) Landesebene
– zur regionalen Vernetzung von Sicherheitsbehörden, Justiz, Prävention,
Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
- Ziel dieser Runden Tische soll es sein, Entwicklungen frühzeitig zu
analysieren, präventive und strukturelle Gegenmaßnahmen zu entwickeln,
ressortübergreifende Strategien abzustimmen und die
gesamtgesellschaftliche Verantwortung sichtbar wahrzunehmen.
Begründung
Einleitung:
Organisierte Kriminalität (OK) ist in Deutschland und Europa ein unterschätztes, aber wachsendes sicherheitspolitisches und gesellschaftliches Problem. Die Deutsche Kommission Justitia et Pax beschäftigt sich seit 2019 intensiv mit diesem Phänomen. Aus dieser Arbeit ist unter anderem das Orientierungspapier „Organisierte Kriminalität als Herausforderung für Gesellschaft und Kirche“ (https://www.justitia-et-pax.de/jp/publikationen/pdf/guf_143.pdf) und die gemeinsame Erklärung „Europe facing the challenges of organized crime“ verschiedener europäischer Justitia-et-Pax-Kommissionen (https://www.justitia-et-pax.de/jp/pressemeldungen/daten/20250321-Europe-and-organised-crime_final-declaration.pdf) entstanden.
Die zentrale handlungsleitende Erkenntnis lautet dabei, dass OK nicht einfach nur eine Kriminalitätsform ist. Durch seine Natur birgt es die Gefahr, die Sicherheit von Individuen und Gesellschaften zu gefährden, indem sie u.a. das Vertrauen in Rechtstaatlichkeit und soziale Strukturen bedroht. Die Bekämpfung und Eindämmung von OK geht darum weit über klassische polizeiliche Aufgaben hinaus und muss als gesamtgesellschaftliche und gesamtpolitische Herausforderung verstanden werden. Sie fordert einen multidimensionalen Präventions- und Bekämpfungsansatz auch auf verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Ebenen.
Hintergründe /Argumentation:
Die aktuellen Lagebilder der Sicherheitsbehörden verdeutlichen die Dimension des Problems: Im Jahr 2024 verursachte organisierte Kriminalität in Deutschland einen gemeldeten Gesamtschaden von rund 2,64 Milliarden Euro. In diesem Zusammenhang wurden 647 Ermittlungsverfahren geführt – einer der höchsten Werte der vergangenen zehn Jahre. Ein erheblicher Anteil der festgestellten Schäden entfiel auf wirtschaftskriminelle Delikte, insbesondere auf Geldwäsche. Allein die in entsprechenden Verfahren identifizierten gewaschenen Vermögenswerte summierten sich auf über 230 Millionen Euro. Diese Zahlen lassen erkennen, dass organisierte Kriminalität nicht nur punktuelle Straftaten begeht, sondern gezielt wirtschaftliche Strukturen nutzt und durchdringt.
Hinzu kommt die zunehmende Technologisierung krimineller Netzwerke. Europäische Sicherheitsbehörden weisen darauf hin, dass künstliche Intelligenz mittlerweile gezielt zur Automatisierung von Betrugsmodellen, zur Erstellung täuschend echter Deepfake-Inhalte oder zur Verschleierung von Geldflüssen eingesetzt wird. Dadurch gewinnen kriminelle Strukturen an Reichweite, Geschwindigkeit und Professionalität. Gleichzeitig verschärft sich im digitalen Raum die Bedrohung durch sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Ermittlungsbehörden berichten von einer stetig wachsenden Zahl digital verbreiteter Missbrauchsdarstellungen sowie von gezielten Ansprachen Minderjähriger über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste. Die digitale Infrastruktur ermöglicht es organisierten Tätergruppen, grenzüberschreitend zu agieren und sich arbeitsteilig zu organisieren.
Diese Entwicklungen zeigen: Polizeiliche Maßnahmen bleiben unverzichtbar, reichen jedoch allein nicht aus. Die komplexen, transnationalen und zunehmend digitalisierten Strukturen organisierter Kriminalität erfordern einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Prävention, Regulierung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, technologische Kompetenz, Bildungsarbeit und internationale Kooperation müssen ineinandergreifen. Nur durch eine strukturierte und kontinuierliche Vernetzung aller relevanten Akteurinnen und Akteure kann dieser Herausforderung wirksam begegnet werden.
Organisierte Kriminalität ist mehr als eine Kriminalitätsform. Sie besitzt das Potential, gesellschaftliche Strukturen systematisch zu unterwandern und demokratische Ordnungen zu schwächen. Eine wirksame Antwort erfordert deshalb koordinierte, interdisziplinäre und nachhaltige Formen des Austauschs – insbesondere durch institutionalisierte Runde Tische auf Bundes- und Landesebene.
